1. Juni 1941 - Kein Vergessen
    Am 21.Juni, dem Vorabend des 85. Jahrestages des Überfalls Nazi-Deutschlands auf
    die Sowjetunion, hatten das Stralsunder Friedensbündnis gemeinsam mit der
    Stralsunder VVN-BdA-Gruppe zu einem Filmnachmittag mit Diskussion in die
    Jakobikirche eingeladen.
    Gezeigt wurde ein Film, der jüngeren Menschen recht unbekannt sein dürfte: „Die
    Abenteuer des Werner Holt“. Warum haben wir gerade diesen Film für diesen Tag
    ausgewählt?
    Der Film führt uns zurück in das Deutschland der Jahre 1943-1945 und zeigt uns die
    Entwicklung junger Leute, die mit Ungeduld darauf warten, endlich die Schule
    verlassen, um an der Front ihrem geliebten Vaterland und Führer dienen zu können.
    Wir sehen intelligente, talentierte, lebensbejahende Jugendliche, die sich mit viel Elan
    und Begeisterung in das „Abenteuer Krieg“ stürzen ohne zu ahnen, was ihnen an
    Brutalität und Menschenverachtung in diesem Krieg begegnen wird, ja was ihnen
    selbst an Grausamkeiten abverlangt wird.
    Lange habe ich gezögert, diesen Film jungen Menschen zu empfehlen. Er schien mir
    die „Grausamkeit Krieg“ zu sehr als Abenteuer zu erzählen und überhaupt – Krieg
    schien mir in Deutschland und Europa eine vergangene, ja fast vergessene Sache zu
    sein.
    Dann war da plötzlich Belgrad 1999: Bombardiert von NATO-Truppen unter
    Beteiligung der Bundeswehr. Die Geschehnisse des April 1941 standen vor meinem
    geistigen Auge. Soll es wieder Realität werden, dass deutsche Truppen in den Krieg
    ziehen, andere Völker bedrohen? Eine Realität, die wir während der deutschen
    Zweistaatlichkeit vollkommen ausgeschlossen hatten.
    Plötzlich machte Bundespräsident Gauck am 31. Januar 2014 mit einer Rede auf sich
    aufmerksam, in der er appellierte, Deutschland müsse „früher, entschiedener und
    substanzieller“ seine Verantwortung, seine Rolle in der Welt wahrnehmen. Diese
    Gedanken wurden später von deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitikern
    aufgenommen. Man spricht seither vom „Münchner Konsens“ (s. WELT vom
    01.02.2014). Die deutsche Bevölkerung mochte dem aber nicht so recht folgen.

Das veranlasste Bundesverteidigungsminister Pistorius am 29. Oktober 2023 (ZDF-
Sendung Berlin direkt) anlässlich der militärischen Auseinandersetzung um die

Ukraine einen Mentalitätswechsel zu fordern. Er sagte, Wir müssen kriegstüchtig
werden. Auf der Bundeswehrtagung am 9./10. November 2023 sprach er dann von der
„Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“.
Diese Forderungen gehen einher mit einer bis dato nicht gekannten Bereitstellung
finanzieller Mittel für die Bundeswehr und die Militarisierung des gesellschaftlichen
Lebens. Seit dem 1. Januar gilt überdies das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz, das
bei Freiwilligkeit zunächst einen Grunddienst der Wehrpflichtigen von sechs Monaten
vorsieht. Das Bundesministerium räumt allerdings ein, dass eine Verwendung „in der
gesamten Breite der Streitkräfte“ überhaupt erst ab 12 Monaten Ausbildung möglich
ist, denn die hoch entwickelte Technik der Bundeswehr lernt man nicht in einem
sechsmonatigem Grundkurs zu bedienen.

Insofern sind die genannten sechs Monate lediglich eine Einstiegsschleuse in die
Bundeswehr, die jenes Reservepotential sichern soll, dass Generalinspekteur Breuer
mit 460.000 Soldatinnen und Soldaten veranschlagt.
Für das Ziel, einen Krieg mit Russland führen zu können, wird viel öffentliche Werbung
betrieben. MdB Kiesewetter fordert, „wir müssen den Krieg nach Russland tragen“. Der
Sprecher der Atlantikbrücke, ehemaliger SPD-Vorsitzender und ehemaliger
Außenminister Gabriel erklärte sinngemäß, Russland müsse so in die Knie gezwungen
werden, wie es dem Westen einst mit der Sowjetunion gelungen war. Im Baltikum wird
gegenwärtig eine Panzerbrigade Litauen aufgebaut, die deutsches Know-how in einen
künftigen Krieg einbringen soll.
Am 22. Juni 2026 brachte keine der großen bürgerlichen Zeitungen der
Bundesrepublik eine Notiz zu dem Jahrestag. Zitiert wurde in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung der Militärhistoriker Neitzel, der vor drei Jahren erklärte, auf
einem Schlachtfeld wie in der Ukraine könne die Bundeswehr nur beweisen, dass sie
es verstehe „mit Anstand zu sterben“. Die FAZ ergänzte: „Für die Soldaten der
Panzerbrigade 45 Litauen ist das jedenfalls nicht der Plan.“
Mit Anstand sterben oder sterben lassen. Wer, warum, für wen, für welches Ziel?
Krieg bedeutet Tod, Vernichtung von Menschen, Tieren, Natur und Infrastruktur,
Eroberung fremder Territorien und Rohstoffe, Profit.
Wir wollen nicht, dass unsere junge Generation, dass unsere Gesellschaft
kriegstüchtig wird. Wir lieben das Leben, wir lieben den Frieden – nicht nur den auf
Friedhöfen. Genau aus diesen Gründen haben wir den Film „Die Abenteuer des
Werner Holt“ am Jahrestag des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf die
Sowjetunion gezeigt. Holt und seine Freunde gehörten etwa dem Jahrgang 1927 an,
einer Generation für die sich das „Abenteuer Krieg“ durchweg als menschliche
Katastrophe erwiesen hat.
Der Film geht auf einen Roman von Dieter Noll zurück, der 1964 erstmals in der DDR
erschien und in den folgenden 25 Jahren 41 Auflagen mit ca. vier Millionen Exemplaren erreichte. Die Kriegspropaganda in Deutschland und Europa macht es wieder erforderlich, derartige Filme jungen Menschen zu zeigen. Die Schulen wären gut
beraten, bei Auftritten der Jugendoffiziere der Bundeswehr einen der Filme wie „Werner Holt“, „Ich war 19“ oder auch „Der Aufenthalt“ mit in das Programm einzubauen.

Dr. Marianne Linke